Die Nette und ihre Seen 


Die Nette gehört zum Flusssystem der Maas. Sie beginnt bei Viersen-Dülken und fließt von Süden nach Norden auf einer Länge von 28,2 km der Niers zu, in die sie schließlich bei Wachtendonk einmündet. In dem natürlichen Einzugsgebiet der Nette von 165 km² Größe befinden sich zwölf Seen mit einer Gesamtfläche von rd. 180 Hektar, die von der Nette, der Renne und dem Königsbach durchflossen werden.

 

Entstehung der Netteseen
Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts fehlen die Netteseen auf den heute noch vorhandenen alten Karten. Nettetal wird dort überwiegend als Sumpfland dargestellt. Alte Urkunden, Gerichtsakten, Chroniken und Karten berichten über die Austorfung der Niedermoore und die auf diese Weise entstandenen Netteseen. Flussregulierungen und Staumaßnahmen formten die Seenlandschaft weiter.

Die Geologie am Niederrhein lehrt uns, dass tektonische Bewegungen der jüngeren Erdgeschichte den Boden absinken und das Wasser schlecht abfließen ließen. Die in Jahrtausenden abgestorbenen Pflanzen bildeten eine mächtige, moorige und torfige Schicht entlang der Nette [1].

Torf war neben Holz im Mittelalter das hauptsächliche Brennmaterial am Niederrhein. Schon im 15. und 16. Jahrhundert begann im Nettetal der Torfstich. Jahrhundertelang holte man das Brennmaterial aus der Erde, zuerst für den eigenen Bedarf, später zum Verkauf, denn der Torf war nicht nur zum Heizen zu gebrauchen, sondern auch - wie heute immer noch - ein hervorragendes Streumittel für den Garten. Auch in den Viehställen wurde er gestreut, um ihn anschließend als wertvollen Dünger wieder in den Naturkreislauf einzubringen. Etwa im 19. Jahrhundert kam die Gewinnung von Torf im Nettegebiet zum Erliegen [2].

Ein so wertvolles Gut war zwangsläufig auch oft Streitobjekt zwischen den Orten und so kam es durchaus vor, dass die Menschen schon mal mit Spaten, Sense und Forke aufeinander los gingen. Besonders zwischen den Bewohnern von Leuth und Lobberich gab es heftige Auseinandersetzungen, weil sie die Torfabbaurechte jeweils für sich beanspruchten.
 

Bild 1: Sohlgleite mt neuem Nette-Flussbett an der Gartzmühle (Nettetal-Lobberich)
Bild 2: Kleeblattförmig liegen die vier Krickenbecker Seen um das Schloss Krickenbeck

Bei dem hohen Grundwasserstand füllten sich die Torfgruben bald mit Wasser und durch den Bau von zusätzlichen Dämmen wurden aus den Torfstichen größere Wasserreservoire für die Mühlen. Denn mit fortschreitender Urbarmachung des Ackerlandes erhöhte sich die Anzahl der wasserbetriebenen Mühlen, das Mahlvolumen musste gesteigert werden und das ging nur mit Hilfe größerer Wasseranstauungen.

Die so entstandenen Netteseen behielten fast alle die Namen „Bruch“ oder „Venn“. Das Wort Bruch ist im deutschen Sprachraum weit verbreitet und bedeutet soviel wie „stets sumpfiges Gelände“. Die Namen Venn oder Veen stehen im Zusammenhang mit dem Vorkommen von Torf, das althochdeutsche fenni und das mittelhochdeutsche ven oder venne meint Sumpfland [3]. Der Name des kleinen Flusses Nette stammt aus dem Keltischen und bedeutet „Nässe oder Wasserlauf“ [2].

Wasserbauliche Anstrengungen:
Für den Torfstich und den Mühlenstau, aber auch für wehrtechnische Anlagen, wurden immer wieder Flussverlegungen, Damm- und Wegebauten notwendig, die mit gewaltigen Anstrengungen verbunden waren. Beispielhaft soll hierfür der Nettelauf zwischen De Wittsee und Schloss Krickenbeck beschrieben werden. Mitte des 13. Jahrhunderts haben die Herren von Krickenbeck ihre zweite Burg an heutiger Stelle des Schlosses mit doppelten Gräben umwehrt. Da aus den tiefer gelegenen Brüchen von Hinsbeck und Glabbach eine Speisung der Burggräben nicht möglich war, musste die Nette in einem künstlich hochgelegten und gegen die natürliche Flussniederung abgedämmten Bett bis in den Schrolik umgeleitet und von dort zur Burg hingelenkt werden. Die Wasseroberfläche der Nette liegt mehr als zwei Meter über dem Wasserspiegel der Kuhlen in der natürlichen Flussrinne. Selbst am Einlauf in den Schrolik besteht noch ein Wasserspiegelunterschied gegenüber dem Hinsbecker Bruch von mehr als einem Meter.

Oft bahnte sich das Flusswasser bei starken Niederschlägen oder plötzlichem Tauwetter einen Weg in sein altes Bett. Solche Durchbrüche gab es an mehreren Stellen. Einige Male aber verließ die Nette ihr künstliches Bett völlig, so in der Neujahrsnacht 1926, über die Steusloff (Nat. am Niederrh. 1926/1) berichtet: „In der Neujahrsnacht verstummte das den Bewohnern der Leuther Mühle vertraute Rauschen des Nettewassers am Mühlenwehr. An seine Stelle trat in der dunklen Regennacht ein Sausen und Brausen, das aus der Ferne von Süden zu kommen schien. Als endlich der trübe, nasse Morgen dämmerte, übersah der Müller den Wasserschaden. Die Nette hatte oberhalb der Mühle ihr künstliches, durch Dämme hoch über den Wiesen gehaltenes Bett verlassen, das Wasser rauschte durch ein breites Loch hinunter und überschwemmte weithin Wiesen und Landstraße.“

Bild 3: Erlenbruchwald am See Schrolik
Bild 4: Wandern an der Nette zwischen Leuther Mühle und De Wittsee

Ähnliches geschah noch 1963. Damals sank infolge eines Durchbruchs der Wasserspiegel des Wittsees um einen halben Meter. Unter großen Strapazen versuchten 63 Männer zwei Tage lang mit Hilfe von schnell gefällten Baumstämmen und Sandsäcken in einigem Abstand vom Dammbruch einen neuen Damm zu errichten, aber es blieb ein Notbehelf und von den 1000 eingebrachten Sandsäcken war bald nichts mehr zu sehen. Das Wasser strömte weiter, bis die Hochwasserspitze gebrochen war und die Bruchstelle mit Eisenspundwänden abgedichtet werden konnte [3].

Würde man heute die Nette in ihr altes Bett bringen wollen, so würde der ganze Wittsee bis auf einige kleine Tümpel ablaufen und die Seen Schrolik und Poelvenn wären von der Wasserzufuhr abgeschnitten. So sind auch gegenwärtig und zukünftig Maßnahmen zur Sicherung der Nettedämme und damit der Seen mit ihren empfindlichen Lebensräumen für Pflanzen und Tiere erforderlich.

Verlandung der Netteseen:
Aus den Talhängen und mit den Bächen wurden den Seen Schwemmstoffe zugeführt. Besonders in den Einmündungsbereichen der Seen schufen Verlandungsprozesse artenreiche Unterwasser- und Schwimmblattgesellschaften und ausgedehnte Röhrichte. Die in Jahrhunderten ablaufende Verlandung führte zur Verlagerung der Pflanzengesellschaften seewärts. Ein Vergleich von Vermessungen der Seeoberflächen aus den Jahren 1820 und 1960 zeigt, dass die Wasserfläche in dem genannten Zeitraum von 140 Jahren um etwa 37% zurückging!

Anfang der 60er Jahre begannen die ehemals breiten Röhrichtgürtel schmaler zu werden, teilweise verschwanden sie vollständig. Parallel dazu verschwand auch die Unterwasservegetation mit den Laichkräutern und größere Teile der Schwimmblattvegetation mit See- und Teichrosen. Verantwortlich für diese Vorgänge ist im Wesentlichen die Eutrophierung der Netteseen. Bereits im Quellbereich bei Dülken sind die nachteiligen zivilisatorischen Einflüsse auf die Nette erkennbar. Der kleine Fluss nimmt das gereinigte Abwasser der Kläranlagen Dülken und Nettetal auf. Der größte Teil der organischen Stoffe wird zwar im Klärprozess abgebaut, doch bewirken die zurückbleibenden Phosphor- und Stickstoffverbindungen eine Überdüngung der Seen. Dazu kommen noch Nährstoffe aus den landwirtschaftlich genutzten Flächen des Einzugsgebietes. Folge sind starke Belastungen des Gewässersystems, insbesondere die Beschleunigung des Verlandungsprozesses, der oben beschriebene Bestandsrückgang zahlreicher Pflanzen und auch Tierarten, zudem besteht die Gefahr des Auftretens von Fischsterben infolge Sauerstoffmangels [4].

Die in den letzten Jahrzehnten eingetreten Schlammablagerungen in den Seen haben einen erheblichen Verlust an Lebensraum für die Wasserorganismen zur Folge. Gleichzeitig wird mit der Verkleinerung des Wasserkörpers auch die Empfindlichkeit des Ökosystems gegenüber Störungen und Belastungen erhöht. Da wirken die an den oberen Netteseen und der Kälberweide durchgeführten Entschlammungen und die Verbesserungen an der Reinigungsleistung der Kläranlagen als erhebliche Entlastung für die Seen.

Bild 5: Kinder können an dem neuen Nette-Flussbett an der Gartzmühle Natur erleben
Bild 6: Stauanlage Nette-Kuhlen

Aussichten: Umfassende Maßnahmen zur Sanierung und Restaurierung der Netteseen sind und bleiben erforderlich. Dabei ist zu unterscheiden zwischen Maßnahmen im See selbst, Pflegemaßnahmen im Uferbereich und Sanierungsmaßnahmen im Einzugsgebiet der Seen.

Zum Erhalt der einzigartigen Landschaft an der Nette sind noch große Anstrengungen erforderlich. Die nächsten Jahre werden zeigen, welchen Wert man dieser Gew ässerlandschaft beimisst. Neben den beschriebenen Maßnahmen zur Sicherung und Erhaltung ist die Wiederherstellung einer viel strukturierten Flusslandschaft entscheidend. Um der Nette und den Nebengewässern ihre natürliche Überflutungsdynamik zurückzugeben, ist zum Beispiel die Beseitigung von Uferbefestigungen erforderlich. Eine weitere Zerschneidung und Verbauung der Aue würde dementgegenstehen. Nur wenn es gelingt, die Bedingungen der natürlichen Flusslandschaft sicher herzustellen, können auch die typischen Pflanzen und Tiere in dieser Landschaft geschützt werden [5].

An diesen Aufgaben ist maßgeblich der Netteverband als zuständiger Wasser- und Bodenverband im Einzugsgebiet der Nette beteiligt. Aufgrund der Komplexität sind viele Fragestellungen nur interdisziplinär zu lösen. Neben den Seen betreut der Verband rund 200 km Gewässer. Schwerpunkte des Netteverbandes stellen die Unterhaltung, der naturnahe Ausbau von Gewässern, der Hochwasserschutz sowie die Sanierung und Restaurierung der Seen dar.

Volker Dietl, Netteverband

 

Literatur:
[1] Geologisches Landesamt Nordrhein-Westfalen (1988), Geologie am Niederrhein, Krefeld
[2] Vogt, H. (1986), Von den Netteseen zur Steinkohle, Wanderführer Verein Linker Niederrhein e.V., Krefeld
[3] Hubatsch, H. (1964), Das Nettetal und seine Seen - Zur Geschichte einer Landschaft, Niederrh. Jb. VII, Krefeld
[4] Schiller, W. (1984), Die Krickenbecker Seen - Limnologische Bestandsaufnahme und Sanierungsvorschläge, Niederrh. Jb. 15, Krefeld
[5] Biologische Station Krickenbecker Seen e.V. (1995), Die Seen im Nettetal, Nettetal